Bürgerdiskussion über neue Wege in der Demenzpflege
„Ich wünsch Dir eine Prinzessin im Himmel“
1,3 Millionen Menschen leiden an Demenz. In Arnsberg wurden über drei Jahre neue Wege für den Umgang mit den Betroffenen gesucht. Sechs beteiligte Bürger sprechen darüber, was sie daraus gelernt haben – und wie Menschen mit Demenz noch besser geholfen werden kann.
Es ist eine muntere Gruppe, die sich im Arnsberger „Wendepunkt“ zusammengefunden hat. Ältere und Jüngere, doch alle haben eines gemeinsam: Sie engagieren sich ehrenamtlich in innovativen Projekten mit Demenzkranken. Über drei Jahre hat die Robert-Bosch-Stiftung diese Projekte in Arnsberg begleitet. Die Ergebnisse sind nun im Handbuch für Kommunen – Arnsberger „Lern-Werkstatt“ Demenz zusammengefasst.
Marita: „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Projekten gemacht, die Demente und Kindergartenkinder zusammenbringen. In der Kita ‚Kleine Strolche‘ haben die Erzieherinnen den Kindern beispielsweise Kinderbücher vorgelesen, die über die ‚Vergesskrankheit‘ bei Oma und Opa berichten. Das wurde dann ausführlich besprochen, als Vorbereitung auf einen Besuch im Heim. Die Kinder haben die Uroma eines Kindergartenkindes besucht – und wenig später kam auch die Uroma mit ein paar anderen Demenzkranken in den Kindergarten zu Besuch. Das war für beide Seiten ein tolles Erlebnis.“
Uwe: „Kinder haben keine Vorurteile. Sie sind neugierig auf alles. Das macht es ihnen möglich, völlig unbelastet mit Demenzkranken umzugehen. Und die Patienten profitieren sehr stark von der Unbefangenheit und der Emotionalität der Kinder.“
Demente können jonglieren und auf der Bühne stehen
Lothar: „Wir machen auch viel künstlerische Projekte mit Demenzkranken. Das ist ein Zugang, der gut funktioniert. Wir holen sie auf die Bühne im Zirkus oder lassen sie jonglieren. Und wir sind immer wieder verblüfft, wie gut das geht.“
Uwe: „Gerade Musik weckt bei vielen verschüttete Erinnerungen im Gehirn. Ich erinnere mich an einen Musiknachmittag im Altersheim. Ein älterer Herr im Rollstuhl saß da völlig bewegungslos. Dann, bei den „Tulpen aus Amsterdam“ fing er plötzlich zu klatschen an. Die Leiterin war total verblüfft, denn bislang hatten alle angenommen, seine Hände seien bewegungsunfähig.“
Marita: „Wir haben seitens der Fachstelle Zukunft Alter eine Sozialpädagogin dabei unterstützt, sich in Musik und Tanz zur ‚Musik-Geragogin‘ weiter zu bilden. Sie leitet heute den ersten Senioren-Gospelchor Deutschlands, in dem auch Demenzkranke herzlich willkommen sind. Und die Aufführungen sind immer gut besucht.“
Rolf: „Die Kommunikation mit Dementen funktioniert vor allem auf einer nonverbalen Ebene. Deshalb ist Musik und Kunst, alles mit Emotionen verbundene, so hilfreich.“
Hundekuscheln hilft Alten
Linda: „Das geht auch gut mit Hunden. Ich gehe mit meinen beiden Hunden ins Heim. Der Hund erfüllt den Menschen nicht nur das Bedürfnis nach Nähe, da sie ihn streicheln und mit ihm kuscheln können, er stellt auch eine Brücke zur Außenwelt dar. Ganz oft fangen dann auch Kranke zu reden an, die bislang kaum ein Wort gesagt haben. ‚Der ist ja lieb‘ oder ‚Ich hatte auch einen Hund‘ höre ich dann oft.“
Marita: „Malen und Zeichnen sind auch gute Instrumente, um mit Demenzkranken zu arbeiten. Beim Projekt ‚Malort Memory‘ malen die Dementen gemeinsam mit Jugendlichen und Künstlern, mal im Altenheim, mal im Jugendzentrum. Und ganz besonders beeindruckend war auch eine Abiturientin, die als Jahresarbeit Foto-Porträts im Altersheim angefertigt hat.“
Kinder lernen den Umgang mit dem Tod
Ulla: „Wir haben in unsere Kita ein Schwarzlicht-Theater auf Basis der Kleinen Raupe Nimmersatt aufgeführt. Viele Ältere haben mitgearbeitet, am Bühnenbild, am Ton, bei den Kostümen. Insgesamt reichte das Altersspektrum von vier bis 87 Jahren. Die Kleinen bekommen so ganz realistische Bilder vom Alter. Und es ist durchaus möglich und auch sinnvoll, mit kleinen Kindern über das Sterben zu reden. Sie sind da viel unbefangener als Erwachsene. Wir haben das erlebt, als einer unserer Paten schwer erkrankte. Jedes der Kinder hat ihm ein Bild gemalt mit seinen Vorstellungen darüber, wie es nach dem Tod wohl ist und dem Kranken Wünsche mitgegeben. Auf einem Blatt stand beispielsweise ‚Ich wünsch Dir eine Prinzessin‘, auf einem anderen ‚Du darfst nicht traurig sein‘.“
Im Folgenden finden Sie eine Auswahl der Projekte mit und für Demenzkranke aus dem Handbuch „Arnsberger ‚Lern-Werkstatt‘ für Demenz“. Das Buch kann im Netz unter www.projekt-demenz-arnsberg.deheruntergeladen werden:
• Film „Diagnose Demenz“ als Türöffner und Einstieg in die Thematik. Im Netz unter www.projekt-demenz-arnsberg.de/demenz/diagnose-film
• Plakataktion mit Motiven, die auffallen und das Ziel haben, die Schweigespirale zum Thema Demenz zu durchbrechen
• Zirkus der Generationen mit Demenzkranken auf der Bühne
• Demenz-Leseecke in der Bücherei mit Büchern zum Thema
• Malort Memory: Alte und Junge malen gemeinsam
• Alles unter www.projekt-demenz-arnsberg.de/ich-will-helfen/gute-beispiele
• „Kinder zaubern Lachfalten“: Kinder, Jugendliche und Ehrenamtliche wurden in einer Kölner Artistenschule als „Klinikclowns“ qualifiziert, um anschließend Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen und zuhause zu erfreuen, www.jbz-arnsberg.de/angebote/zeitlos.htm
• Workshop im Theatron Theater: „Altern – was ist das?“, www.theatron-theater.de
• Fotoausstellung: Neue Bilder vom Alter
• Gospelchor www.jbz-arnsberg.de






